Auf Wasser gebaut
Auf Wasser gebaut
Tourismus
mz-web.de, 03.01.12, VON Alexander SChierholz
Es geht um rund acht Kilometer. So lang ist das fehlende Teilstück des Kanals zwischen Günthersdorf (Saalekreis) und der Saale. Seit fünf Jahren kämpfen Witfer und sein "Saale-Elster-Kanal Förderverein" darum, die Lücke zu schließen. Kanuten und Sportbootfahrer könnten dann auf dem Wasserweg von der Saale nach Leipzig gelangen, dort vom Lindenauer Hafen über den innerstädtischen Karl-Heine-Kanal bis in die Weiße Elster und weiter zu den großen Tagebauseen südlich der Stadt.
Eine halbe Million Besucher
Es wäre ein Schub für den Wassertourismus. Glaubt Witfer. Glauben auch die Städte Halle und Leipzig und die Länder Sachsen-Anhalt und Sachsen. Sie haben eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Der fertige Kanal würde pro Jahr zusätzlich eine halbe Million Gäste in die Region, nun ja, spülen. Am günstigsten wäre der Weiterbau der 19 Kilometer langen Wasserstraße demnach auf der alten Trasse aus den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts möglich. "Die meisten benötigten Grundstücke gehören schon dem Bund", sagt Witfer, "der Kanal ist immer noch eine Bundeswasserstraße." 1933 war mit dem Bau begonnen worden, damals noch für Frachtschiffe - Leipzig sollte einen direkten Anschluss an die Nordsee bekommen. Zehn Jahre später stoppte der Krieg die Arbeiten. Nahe des Dörfchens Wüsteneutzsch stehen heute noch riesige Schleusenmauern auf dem Trockenen.
Nach allem, was bisher bekannt ist, geht das Gutachten von Baukosten deutlich unter 100 Millionen Euro aus. Details nennen die Auftraggeber nicht - die Studie soll erst im Februar öffentlich vorgestellt werden. Auch Witfer äußert sich nicht zu Einzelheiten. Mit der Stadt Leipzig, die bei dem Projekt federführend ist, hat der Verein Stillschweigen vereinbart.
Manche sehen den Kanal nur als weiteren Ausdruck des sympathischen Leipziger Größenwahns, mit dem die Stadt ein Großprojekt nach dem anderen auf den Weg bringt - und sich zuweilen daran verhebt. Motto: Wenn schon nicht Olympia, dann wenigstens mit dem Boot über die Saale und die Elbe bis nach Hamburg.
Witfer ficht solcherlei Kritik nicht an. Dabei stehen hinter dem Kanalprojekt noch große Fragezeichen. Doch Bedenken wischt der Vereinschef vom Tisch: Da ist der Bund, der das Netz der Bundeswasserstraßen neu ordnen und damit auch bei der Schifffahrtsverwaltung sparen will - warum sollte er Geld in die Hand nehmen für einen Kanalneubau? Witfer winkt ab: Eine Reform der Verwaltung, sagt er, habe doch "mit der Wasserstraße an sich" nichts zu tun.
Da ist das Land Sachsen, das widersprüchliche Signale sendet - einerseits finanziert es die rund 90 000 Euro teure Machbarkeitsstudie mit, andererseits gibt es, sehr zum Ärger der Stadt, kein Geld für die Entwicklung des Lindenauer Hafens in Leipzig, der wichtiger Bestandteil des Projekts ist. Witfer mag da keinen Gegensatz sehen. "Der Hafen ist eine städtische Aufgabe."
Und da ist schließlich die große Konkurrenz im Tourismus-Geschäft: Wassersportler tummeln sich auf Saale, Unstrut und Elbe, an der Goitzsche und bald auch auf dem Geiseltalsee, auf den Berliner Seen und an der Mecklenburgischen Seenplatte - was sollte sie zum Saale-Elster-Kanal ziehen? Die Nähe, antwortet Witfer. "Ich kann ihnen spontan zehn Leute aus der Region nennen, die ihr Boot jetzt in Berlin liegen haben. Die würden es sofort hierher holen, wenn sie Wasser vor der Haustür hätten." Und das Schiffshebewerk. Das müsste gebaut werden, um den Höhenunterschied zwischen Kanal und Saale zu überwinden. Witfer erzählt von anderen Hebewerken, in Niederfinow (Brandenburg), in Scharnebeck am Mittellandkanal nahe Hannover - imposante Technik, die zwischen 250 000 und 500 000 Besucher im Jahr anzieht. Das stellt Witfer sich auch für den Saale-Elster-Kanal vor: "Die Leute bleiben eine Woche, schauen sich auch Halle und Leipzig an."
Ein Kindheitstraum
Als der Rettungsassistent 2002 der Liebe wegen aus dem Schwarzwald nach Merseburg zieht, kauft er sich selbst ein kleines Motorboot. "Mein Kindheitstraum. Bei meiner Tante am Genfer See habe ich immer die Boote gesehen." 2007 erzählt ihm ein Kollege, dass er gerne mal per Schiff nach Leipzig fahren würde. Auf jenem Kanal, der Witfer schon lange interessiert. Das ist so etwas wie die Initialzündung für die Gründung des Fördervereins.
Nach der Nachricht aus dem Petitionsausschuss gibt es für Michael Witfer keinen Zweifel mehr: Der Bund habe seinen guten Willen gezeigt. Jetzt sei es an den Kommunal- und Landespolitikern, sich zum Kanal zu bekennen. "Wenn der politische Wille da ist, spielt Geld keine Rolle mehr", glaubt der optimistische Vereinschef.
Glaube, sagt ein Sprichwort, kann Berge versetzen. Kann er auch Wassermassen bewegen?







