Aus WirtschaftsNews der WI-Fö Halle

Mittwoch, 19. Mai 2004, 10:14 Uhr

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Ein Schleusenkanal soll Saale und Elbe verbinden und den Hafen Halle-Trotha nach einem halben Jahrhundert aus dem Dornröschenschlaf wecken.

Die Saale ist vom Hafen Halle-Trotha an ganzjährig für Europaschiffe befahrbar. Allerdings nur bis etwa acht Kilometer vor der Elbmündung. Dort kam der Flussausbau im 2. Weltkrieg zum Erliegen. Bis heute ist einer der wichtigsten Wirtschaftsräume Ostdeutschlands damit praktisch vom europäischen Wasserstraßennetz abgeschnitten. Nun soll der Saale ein Bypass gelegt werden. Bei vielen Unternehmern zwischen Leipzig, Erfurt und Ostharz sorgt schon die gute Nachricht für erhöhten Pulsschlag.

Halle (Saale).

"Es hat lange gedauert. Doch nun rückt der Anschluss Mitteldeutschlands an das Wasserstraßensystem in greifbare Nähe",

freut sich Manfred Sprinzek, Präsident des Vereins zur Hebung der Saaleschifffahrt (VHdS). Viel zu lange schon dauere der Dornröschenschlaf des Hafens Halle Trotha, in dessen Ausbau allein seit 1990 rund 30 Millionen Euro gesteckt wurden.

"Die wichtigste Voraussetzung dafür, dass sich diese Investition auszahlt, fehlt: eine schiffbare Verbindung zur Elbe. Bis Calbe ist die Saale komplett ausgebaut, nur das letzte Stück zur Mündung gleicht einem Nadelöhr, so genannte Europaschiffe kommen hier nicht durch"

beschreibt Sprinzek das Problem. Seit Anfang der 90-er Jahre streitet der VHdS, in dem rund 60 Firmen der Region organisiert sind, beharrlich für einen Ausbau des letzten Teilstücks bis zur Elbe. Bereits 1992 hatte die damalige schwarz-gelbe Landesregierung erreicht, dass das wichtige Wasserstraßenprojekt in den Bundesverkehrswegeplan aufgenommen wurde. Als jedoch 1996 ein Raumordnungsverfahren für den Bau einer Staustufe bei dem Dörfchen Klein-Rosenburg am Widerstand von Umweltschützern scheiterte, schien der Traum von einem Wirtschaftsraum mit "Wasseranschluss" ausgeträumt.

Doch der VHdS und mit ihm verbündete Politiker, Kammern und Verbände gaben nicht auf.

"Jetzt liegt eine weitere, umweltverträgliche Alternative vor"

erklärt Manfred Sprinzek. Die Idee: Östlich von Calbe könnte ein 7,5 Kilometer langer Schleusenkanal gebaut werden, der bis Barby führt und den sensiblen Bereich bei Klein Rosenburg umgeht. Die Fakten sprechen für den künstlichen Wasserweg: er ist hochwasserneutral, umweltverträglich und volkswirtschaftlich rentabel. Eine Studie, die das Essener Planco-Institut kürzlich im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums erstellte, prognostiziert ein Kosten-Nutzen Verhältnis des 85-Millionen-Euro-Projekts von mindestens eins zu zwei. Dabei wird in einer sehr defensiven Prognose von einem jährlichen Transportaufkommen von nur 1,5 Millionen Tonnen ausgegangen.

Der VHdS ermittelte bei Saale-Anliegern dagegen ein schon heute abrufbereites Frachtpotenzial von 2,6 Millionen Tonnen.

"Das sind umgerechnet 100 000 Lkw-Ladungen. Diese Menge aufs Binnenschiff zu verladen, bedeutete 50 000 Tonnen weniger Kohlendioxidausstoß pro Jahr und die Entlastung verstopfter Autobahnen. Ein Europaschiff kann immerhin die Fracht von 40 Lastkraftwagen aufnehmen"

macht Sprinzek deutlich. Hinzu kämen Impulseffekte durch eine zum Teil deutlich verbesserte Wettbewerbsfähigkeit der betreffenden Unternehmen.

"Wir benötigen die Anbindung über das Magdeburger Wasserstraßenkreuz zur Rheinschiene, denn dort sitzen die industriellen Verbraucher unserer Salze"

erklärt Frank C. Finkes, Logistikchef der esco european-salt company GmbH & Co. KG. Derzeit könne das Bernburger Werk nur zehn Prozent des Produktionsausstoßes auf Binnenschiffe verladen. Dazu müsse es jedoch auf die entfernteren Elbhäfen Aken und Haldensleben ausweichen, obwohl die Saale direkt an dem Werk vorüber fließt.

Beim Kostenvergleich beweist sich die Effizienz der Binnenschifffahrt.

"Auf dem Wasserweg schlägt die Tonne Weizen von Trotha nach Hamburg mit elf Euro zu Buche, auf der Straße sind es vier Euro mehr"

rechnet Ludwig Müller, Geschäftsführer der Getreide- und Agrarhandel Halle GmbH, vor. Das Handelsunternehmen, das unmittelbar im Trothaer Hafen seinen Sitz hat, gehörte zu den Mitbegründern des VHdS.

"Wir stehen im internationalen Wettbewerb, und ein Zugang zu den Exporthäfen an der Nordsee und den Wirtschaftszentren des Niederrheins ist nicht nur kostensparend, er kann uns auch neue Kunden bringen"

unterstreicht Müller.

Derzeit beläuft sich die jährliche Güterverkehrsleistung in Halle-Trotha auf insgesamt rund 336.000 Tonnen, davon entfallen nur magere 130 000 Tonnen auf Schiffstransporte.

"Bis zu 4,5 Millionen Tonnen sind aber denkbar"

weiß Hafenmeister Harry Dietrich. Allein im Kerngebiet des Umschlagplatzes könnten laut eine Studie des Münchner Info-Instituts 500 Arbeitsplätze entstehen. Das Einzugsgebiet des Trothaer Hafens mit seiner guten Anbindung an Straße und Schiene reicht von Westsachsen mit dem Großraum Leipzig über das südliche Sachsen-Anhalt bis weit nach Thüringen.

"Wenn dieser Hafen Anschluss zur Elbe bekäme, könnte die Wettbewerbsposition zahlreicher produzierender Unternehmen deutlich gestärkt werden, von BMW in Leipzig bis hin zu Großbehälterproduzenten im Erfurter Siemens-Generatorenwerk"

meint Sprinzek.

Erste Erfolge lassen sich bereits vorweisen: Mitte März wurde auf dem Hafengelände der Grundstein für eine Biodiesel-Produktionsstätte gelegt. Die in Halle gegründete JCN Neckermann-Biodiesel GmbH investiert in den neuen Standort rund 25 Millionen Euro. Nur einen Monat später wurde im Hafen eine ständige Container-Bahnlinie nach Hamburg eröffnet. Betreiber ist die Hanseatic Container & Train Operators GmbH (HCTO). Die Container werden seither dreimal wöchentlich in Trotha vom Zug auf Lastwagen gehoben oder umgekehrt. Sobald die Saale komplett befahrbar ist, will die HCTO den Wasserweg nutzen; bis zum Hamburger Seehafen können die mit unverderblichen Gütern gefüllten Behälter dann per Schiff transportiert werden. Für HCTO Gesellschafter Heinz-Joachim Sickert "ein idealer Standort." Auch die belgische Domo-Gruppe, die im Chemiepark Leuna in den vergangenen zehn Jahren 463 Millionen Euro investiert hat, ist an einer Anbindung zur Elbe interessiert. Benzol als Ausgangsstoff für Fußbodenbeläge und textile Teppichböden könne dann von den Ölhäfen an der Nordsee auf dem Wasserweg statt über die Schiene transportiert werden, "das wäre nur halb zu teuer", sagt Domo-Geschäftsführer Norbert Leetsch. Domo erwägt sogar, von Trotha aus eine Pipeline bis nach Leuna zu bauen.

Kurz vor Ostern forderte das Verkehrsministerium in Magdeburg den Bund erneut auf, ein Raumordnungsverfahren für den Saalekanal einzuleiten.

"Es muss Schluss sein mit der endlosen Hinhaltetaktik. Nun ist eine Lösung gefunden, die allen Belangen gerecht wird"

sagt Sachsen-Anhalts Verkehrsminister Karl-Heinz Daehre. Und Manfred Sprinzek, der seit 14 Jahren für den Ausbau des Flusses und den Anschluss an das europäische Wasserstraßennetz kämpft, pflichtet ihm bei.

"Wenn es hoch kommt, befahren in der Zukunft täglich bis zu sechs Frachtschiffe die Saale. Ein Kompromiss zwischen Ökonomie und Ökologie, der allen Seiten gerecht wird."

Bernd Lähn

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