Binnenschiffer Flussauf, flussab

Donnerstag, 22. Juni 2006, 22:13 Uhr

Binnenschiffer Flussauf, flussab

VON PETRA MIES Frankfurter Rundschau - 18. Juni 2006

Flussauf, flussab

VON PETRA MIES

Das Steuerrad surrt. Schnarrt. Der Kapitän lenkt es mit dem Fuß. In Söckchen. Eine Drehung hin, eine her, das hält "unseren Dampfer" ruhig. "Jetzt fahren wir den Buckel rauf", sagt Hans-Werner Mnich. Das Binnenschiff fährt gegen den Strom oder geht zu Berg, wie es im Jargon heißt. Kilometer 441, der Rhein macht sich breit. Glitzert.
Draußen schleppen die Kinder viele Schüsseln mit Steaks, Würstchen und Salaten von der Wohnküche nach draußen. Gummi-Clogs klappern über den Boden. Die Mutter isst schnell, damit sie ihren Mann am Steuer ablösen kann. Es ist ein spätes Mittagessen, bald vier. Das Löschen der 800 Tonnen blauen, körnigen Düngers im Floßhafen Worms hat sich gezogen. Und sie mussten in Worms noch die Wagen per Kran an Bord hieven. Große Autos am Haken.

Um das Wichtigste im Leben von Gudrun (48) und Hans-Werner Mnich (57) zu beschreiben, braucht es viele Namen: Manuela. Susanne. Kerstin. Torsten. Stephen. Patrick. Rebecca. Dominik. Melissa. Neun Kinder, zwischen 27 und acht Jahren alt. Und die Salisso oder genauer MS Salisso. Das 67 Meter lange, 8,20 Meter breite Binnenschiff mit 600 PS ist 1938 erbaut. Aber bis auf die Bordwand ist alles neu.Es ist ein Dasein für Familie und fahrbaren Familienbetrieb. Alles im Fluss, der Weg ist das Ziel. Wenn sie unterwegs sind und selbst die Zeit bestimmen, geht es auch geruhsam zu. Wo sich Arbeit und Leben vereinen, gehört auch Freizeit zum 16-Stunden-Tag. Nur wenn die Mnichs etwa Trinkwasser und Öl bunkern, wenn sie Fracht laden und löschen lassen und damit von anderen abhängig sind, kann es stressig zugehen.
Familie Mnich in einem Boot. Das zählt für Eltern und Kinder. Laderäume putzen. Fahrrad- und Bobbycar-Rennen im Laderaum starten. Hortensien, Oleander und Margeriten gießen. In den Hängematten lesen. Die acht Kaninchen im einstigen Riesen-Laufstall der Kinder und die drei Katzen Nemo, Nena und Nirwana füttern und mit ihnen schmusen. Landkarten mit Papa im Steuerhaus studieren oder Mama das Spülen abnehmen. Die Kinder, bis auf Ferien und Wochenenden im Schifferkinderheim Luisen-Stephanien-Haus in Mannheim, spielen, leben und helfen auf dem Schiff.
Lauter Kapitäne in spe. Die beiden älteren Töchter, die nicht außer Haus, sondern längst zum Studieren oder Arbeiten aus dem Kinderheim und über Bord sind, haben beide das Binnenschiffer-Patent. Die Eltern sagen: "Das wollten wir ihnen als zweites Standbein mitgeben."

 

Sieben Kinder an Bord

Und so wuseln sieben der neun Mnich-Kinder über den Pott, der vorbei an den Industriebauten von Mannheim und Ludwigshafen tuckert. Zehn, zwölf Kilometer in der Stunde macht die MS Salisso in der Bergfahrt, um die 20 zu Tal. Bergfahrer denken umgekehrt. Flussaufwärts sind die Schwäne vor Speyer, die rechts zu sehen sind, für Mnich "links". Steuerbord gerät mit diesem Perspektivwechsel dann quasi zu Backbord. Immer von der Quelle zur Mündung denken: Die Talfahrer-Perspektive zählt.Es gilt, etwa 200 Kilometer von Worms nach Marckolsheim im Elsass zu fahren, wo die Mnichs 650 Tonnen Weizenkleber laden. Grundsätzlich verdient das Partikulier-Ehepaar, wie Eigner von meist einem Schiff heißen, nicht schlecht - mal beiseite, dass sie ihr Geld fast komplett für Kinder, Kahn und die Zinsen für das Haus bei Ludwigshafen ausgeben. Der Fuß dreht das Steuerrad linksherum, er dreht es nach rechts, und Hans-Werner Mnich sinniert. Vor 31 Jahren hat er das Binnenschiff für 70 000 Euro gekauft, hat seither eine Dreiviertel Million Euro hineingesteckt. Es habe seine Vorteile, klein zu sein: Die MS Salisso komme selbst bei Niedrigwasser noch dahin, wo die ganz Dicken passen müssen.

Grundsätzlich sind Binnenschiffe umweltfreundlich und staufrei unterwegs. Gleichwohl fallen sie in Deutschland anders als etwa in den Niederlanden, wo der Wasserstraßen-Verkehr extrem gefördert wird, gegenüber Straße und Schiene hinten runter. Mnich vermutet, dass es an der kleinen Lobby der Binnenschiffer liegt. An einer Mischung aus hausgemachten Image-Problemen des vermeintlich veralteten Verkehrsweges. An einer Wirtschaft, die Straße und Schiene bevorzuge. Und an einer Politik, die die Zukunftschancen des deutschen Wasserstraßennetzes als ausbaufähige Transport-Alternative nicht erkannt habe.

"Wir bilden auch viel zu wenig Nachwuchsschiffer aus", beklagt Mnich. "Vor einem halben Jahrhundert gab es noch 25 000 Menschen als Personal in unserer Binnenschifffahrt, das hat dramatisch abgenommen." Der Kapitän reibt sich den Bart.

Am Abend ankert die Salisso nahe Karlsruhe. Die Eltern blicken mit sieben ihrer neun Kinder in die Sterne. "Das sind unsere schönsten Momente", sagt die Mutter, nachdem ihr Mann alle Daten in die Bücher eingetragen hat. Die Mädchen und Jungs lachen, kuscheln in Decken, erzählen. Gelächter auf dem Kahn voller Kinder, Karnickel und Katzen. Um zehn war Schluss mit der Fahrt, rund um die Uhr dürfen nur Schiffe mit mindestens zwei Kapitänen fahren.

Als alle "Minis" schlafen, lassen die Eltern die Binnenschifffahrt im Wandel der Zeit passieren. Wasserstandsmeldungen aus 31 Jahren. "Wir hatten in Deutschland einmal eine Frachtbörse, aber sie wurde zugunsten der Reedereien abgebaut", erzählt er. Die Reedereien wiederum hätten sich eigene Schiffsparks zugelegt und diese mit angestellten Schiffern auf Reisen geschickt. "Und sie bildeten auch viel aus, bis zu 400 Lehrlinge im Jahr."

Die erste große Wende sei gekommen, als die Reedereien nach dem Niedergang der Kohle Schiffe verkauften und Personal entließen. Weil sie keine neuen Schiffe mehr orderten, litten auch die Werften "und gingen den Bach runter". Die zweite Wende habe vor mehr als einem Jahrzehnt die Öffnung des Festfrachtsystems gebracht. "Das war ein großer Einschnitt, die Frachten sind um bis zu 80 Prozent gefallen." Mnich seufzt.
 
Kicken im Laderaum

Niedergang der Reedereien plus Liberalisierung des Marktes hätten das Geschäft hart gemacht. Andererseits sind die selbständigen Mnichs mit ihrem Verdienst zufrieden. Reichtümer sammeln die Partikuliere zwar nicht, zumal es schnell teuer werden kann, wenn etwas an der Salisso kaputt geht - vor allem bei Maschinenschäden.Der nächste Morgen strahlt. Bis unten alle im kleinen Bad waren, hat Gudrun Mnich längst mehrere Teekannen gefüllt. Jetzt, da der Oberrhein die deutsch-französische Grenze markiert, prägen Schleusen die Bergfahrt. Stephen, 14, macht stets kunstvoll fest. Iffezheim bei Baden-Baden ist die erste Staustufe mit Kraftwerk und die größte Schleuse Deutschlands. Dass die Mnichs kostenlos Trinkwasser für die zweimal 2000-Liter-Tanks bunkern können, danken sie dem Schleusenwärter mit einem Geschenkkörbchen. Gambsheim, Straßburg, Gerstheim, Rhinau - und immer was los auf dem Pott, ob eine ins Wasser gefallene Solarpumpe und all die anderen Malheurs, die passieren, wenn Kinder auf einem Schiff auf dem Rhein und dessen Seitenkanälen herumturnen. Über Bord gingen bisher nur drei von ihnen, und das endete zum Glück stets glimpflich. Im Sommer baden sie freiwillig und aus Vergnügen im Rhein.Als sie sich abends Marckolsheim nähern, nach 20 Stunden Bergfahrt an zwei Tagen, haben im Horizont die Vogesen den Schwarzwald längst abgelöst. Rhein-Kilometer 243. Melissa kutschiert Katze Nemo im Kinderwagen über Deck. Später, als sie alle in den Laderäumen kicken, macht die Jüngste als erste schlapp.Am nächsten Morgen hupt an Land ein Laster. Das Futtermittel staubt beim Laden. Bis die Mnichs in Düsseldorf sein werden, dreht der Kapitän das Steuerrad noch viele Male mit den Füßen von links nach rechts und umgekehrt. Surrend. Schnarrend.

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