Demagogen weiter gegen die Elbe

Montag, 16. März 2009, 13:26 Uhr

Demagogen weiter gegen die Elbe

Leserbrief von Karl JüngeL, Kleinwittenberg

Zunächst möchte ich mich für die korrekte Berichterstattung über den Hafen der Stickstoffwerke Piesteritz in der MZ vom 7. März 2009 bedanken. Sie zeigt wie ökologisch, damit umweltschonend und auch ökonomisch der Transport auf unseren Wasserwegen ist. Auch die Dringlichkeit der Binnenschifffahrt wird dargestellt. Eine herbe Enttäuschung für mich und weitere Leser waren allerdings die beiden Briefe zu diesem Beitrag, die am 11. März in ihrer Zeitung, veröffentlicht wurden. Leider haben einige wenige Leser nicht begriffen, dass auch der Strom Elbe nicht nur durch das kleine Anhalt fließt, sondern als Bundeswasserstraße Teil eines großen europäischen Wasserstraßennetzes ist und Güter nicht mehr durch Schauerleute in Häfen und in Säcken umgeschlagen werden. Güter wie Düngemittel und Zement werden heutzutage Bord-an-Bord auf offenen Reeden der Seehäfen umgeschlagen und das geht nicht mit dem LKW und auch nicht mit der Eisenbahn, die technische Entwicklung verlangt es so.

Bei der Beachtung der transportierten Gütermenge auf der Elbe sollte man wissen, dass Elbe nicht gleich Elbe ist, sondern in 9 Tauchtiefen-Streckenabschnitte eingeteilt ist. Der Landkreis Wittenberg liegt an der Strecke 4, die von Elster bis zur Saalemündung reicht und leider nicht zu den tauchtiefenbegünstigten zählt. Die anschließende Strecke 5 (Saalemündung –Magdeburg-Rothensee, Elb-km 332,5) ist dagegen die weitaus besser nutzbar, was auch den Anschluss der Saale durch den Bau des Tornitzer Kanals mehr als rechtfertigt.

Bei der Betrachtung der transportierten Gütermengen im Jahr sollte man wissen, das an der Schleuse in Geesthacht nicht 0,7 Mio. Tonnen registriert sind, sondern im gleichen Zeitraum 9,3 Mio. Tonnen (zu Berg 6.6 Mio. t. - zu Tal 2,7 Mio. t) auf der Elbe registriert wurden. Allein in den Häfen an der Oberelbe (Torgau, Riesa und Dresden), also durch den Landkreis Wittenberg, wurden im Kalenderjahr 2008 über Kaikante mehr als 165.587 t Güter per Binnenschiff umgeschlagen, darunter bis zu 500 t schwere Transformatoren und andere Aggregate nach Übersee (die MZ berichtete). Im Riesaer Hafen waren es im Kalenderjahr 2008 allein 56.862 t. Dieses Ergebnis liegt nur 7% unter dem Vorjahr, trotz des Niedrigwassers vom 4.8. bis zum 7.10.2008 und der ab Oktober 2008 auch auf der Elbe wirkenden Wirtschaftskrise. Um diese Menge zu transportieren hätte man 2.274 LKW oder 1.486 Waggon benötigt. Der Gesamtumschlag der SBO GmbH (Sächsische Binnenhäfen) betrug 2008 484.817 t. Möglich wurde dieser Umschlag u.a. dadurch, weil besonders flachgehende Schubschiffe mit nur 80 cm Tiefgang, Baujahr 1982-85 durch den VEB Schiffswerft Genthin, zur Verfügung stehen. Schiffsentwickler haben längst begriffen, dass man diese "alte" Technik nicht "Toppen" kann. Deshalb ist die Forderung nach den flachgehenden und den von der Schiffswerft Rosslau entwickelten Binnenschiffen Schnee von gestern. Auch ist die Wirtschaftlichkeit dieser utopischen Schiffe nie nachgewiesen worden. Das Gute an der Sache, der Entwicklungsbetrieb (Schiffswerft Rosslau) konnte sich an gewaltigen Mengen von staatlichen Fördermitteln erfreuen und sich dadurch in einer wirtschaftlich schwierigen Zeit schließlich retten.

Wissen sollten auch die Leser, dass Schubschiffe meist nur beladen einen Tiefgang von nur 1,4 m haben, weil ihre Ladung größtenteils aus einem Mix von Grundstoffen und Konsumgütern oder sogar objektbezogenes Leergut besteht. Deshalb ist das Ziel, die Elbe an 345 Tagen im Jahr schiffbar zu halten, sehr zeitnah. Die Skeptiker dieser Zahlen sollten sich jetzt, wo die Elbe eine günstige Wasserlage hat, überzeugen, wie viel Güter zu transportieren sind, nämlich eine ganze Menge und ständig.

Niedrigwasser ist ein Phänomen an der Elbe das die Elbschiffer schon seit mehreren Generationen verfolgt und nicht ein Produkt der Neuzeit. In den vielen Niedrigwasserjahren des vorigen Jahrhunderts, wie u.a. 1904, 1911, war die Zeitdauer dieser Ereignisse weitaus länger, dennoch war zu dieser Zeit die Elbe der meistbefahrene Strom Deutschlands (s. Statistische Auswertung der jährlichen Hauptwerte des Pegels Dresden in Jüngel: Die Elbe in Sachsen...S. 7 –Thalia-Buchhandlung). 1952,1964 oder 1976 gingen u.a. ebenfalls unrühmlich in die Statistik ein.

Das die sog. Elbaktivisten sich bei ihren Aktivitäten gegen einen schiffbaren Strom auf eine Reihe von Organisationen stützen, ist kein Geheimnis. Der Bund für Steuerzahler und Professor Zabel der Universität Halle haben ihre Quittung für ihr unqualifiziertes Eingreifen bei der Beurteilung des Tornitzer Kanals ausreichende Schelte aus Fachkreisen bezogen. Letzterer hatte weder Einsicht in die Unterlagen des Raumordnungsverfahrens noch war er durch seinen Arbeitgeber befugt zu einem Gefälligkeitsgutachten für den BUND. Von den Aussagen des Abteilungsleiters im Umweltbundesamt Dessau, Herrn Christoph Erdmenger, anlässlich der Aktion Fackeln für die Elbe in Wittenberg am 29.11.2008, hat der Propagandist lediglich seine ungeprüfte Privatmeinung zum Ausdruck gebracht, wie aus einer Stellungnahme zu den unsinnigen Aussagen aus dem Verkehrsministerium zu erfahren war. Leider bekam er dafür auch Beifall der Wittenberger Elbaktivisten, darunter auch Mitglieder des Wittenberger Stadtrates. Welches fachliches Wissen und Potential die "evangelische Kirche in ganz Deutschland" (MZ vom 11. März 2009) bei der Beurteilung der Probleme um die Elbschifffahrt einzubringen in der Lage ist, ist mir unverständlich und gibt große Rätsel auf.

Vergessen haben die beiden Autoren auf touristische Nutzung unseres Heimatstroms hinzuweisen, denn wo keine Unterhaltung der Wasserstraßen geduldet wird, werden auch die weißen Schiffe und Segelboote nicht mehr lange auf der Elbe verkehren.

Noch ein Wort zur Einleitung des Leserbriefes vom Flussfreund und Ausbau-Gegner Harald Köbel (MZ vom 26.11.2008): Das Elbschifffahrt in der DDR subventioniert wurde, ist für mich ein völlig neuer Aspekt. Die damalige DDR hat über ihre Bezirksdirektionen für Kraftverkehr Einfluss auf die zu wählende Transportart genommen, aber ausschließlich mit dem Hintergrund der Einsparung von Devisen (Erdöl). Eine derartige Regulierung wäre doch sicher hinsichtlich der Diskussionen um die Klimaentwicklung zumindest nachdenkenswert. Weiterhin sah eine paritätische Vereinbarung zwischen der damaligen CSSR und der DDR z.B. die Lieferung von Steinsalz aus dem Staßfurter Raum und im Gegenzug die Lieferung von böhmischer Braunkohle für die Glaserei in Magdeburg-Rotensee in Größenordnungen vor. Für die Abwicklung dieser Mengen waren allein mehr als 50 Schiffe eingesetzt. Diese fehlen heute der Statistik und sind nicht auszugleichen. Die Bewohner von Magdeburg-Rothensee sind jedenfalls dankbar, das der Gestank, den die Glaserei verursachte, ein Ende hat.

Foto:

Bei Projektladungen, wo Straßen- und Eisenbahnverkehr keine Alternative anzubieten hat, erweist sich die Binnenschifffahrt als unersetzbar. Hier befördert ein Schubschiff mehrere Reaktoren trotz ungünstiger Wasserverhältnisse auf der Elbe von Hamburg in unser Nachbarland, der Tschechischen Republik.

 

Karl JüngeL, Kleinwittenberg
14.3.2009
ich verbleibe mit freundlichen Grüßen
Karl Jüngel  karl.juengel@arcor.de

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