Der "Flaschenhals" müsste verschwinden

Dienstag, 20. September 2005, 10:32 Uhr

Der "Flaschenhals" müsste verschwinden

Der Traum von Binnenschifffahrtskapitän Ernst-Wilhelm Wehlmann

Volksstimme vom 10.08.2005

In Alsleben, einst „Klein Hamburg“ genannt, lebt die Binnenschifffahrt  zumindest in Traditionen fort / Der Traum von Binnenschifffahrtskapitän Ernst-Wilhelm Wehlmann:

Der „Flaschenhals“ müsste verschwinden.

Die Binnenschifffahrt prägte einst das Leben in Alsleben. „Klein Hamburg“ wurde es genannt, als es hier im 19. Jahrhundert 600  Binnenschiffer, Schiffswerften und -schmieden gab. Geschichte. Aber die  Erinnerung lebt. Man begegnet der Schifffahrt auch heute noch auf  Schritt und Tritt in der Mitgliedskommune der Verwaltungsgemeinschaft Saale - Wipper. Und man träumt davon, dass wieder mehr Schiffe auf der Saale fahren...

Von Falk Rockmann

Alsleben. An den Ufern liegen kleine Motorboote. Die Saaleschleuse hilft in regelmäßigen Abständen, die unterschiedlichen Pegel u.a. für die „Saalefee“ zu überwinden. Im Stadtwappen von Alsleben kringeln sich drei Aale. Nicht alles ist Geschichte, was die Binnenschifffahrt in der über 1000-jährigen Saalestadt betrifft.

So versteht es auch Ernst-Wilhelm Wehlmann, Vorsitzender der Vereinigten Schiffervereine von Alsleben und Umgebung „Undine“ e.V. Im Vorgarten des alten Alslebers grüßen zwei zentnerschwere Anker und ein nachgestalteter Schiffsmast den Gast. Und natürlich blickt der Binnenschiffer von seinem Grundstück auf die Saale.

 

Der 66-Jährige ist Binnenschiffer in 5. Generation. Seit 1953. Mit drei Monaten fuhr er bereits mit seinen Eltern auf dem familieneigenen Kahn. Alsleben war vor dem 2. Weltkrieg Heimathafen für über 100 Schiffseigner. Danach waren es noch 22. Es wurden immer weniger. Heute gibt es noch einen. „Ein hartes Brot“, meint Wehlmann.

Ein Fünkchen Hoffnung stellen aber zwei Alsleber Lehrlinge dar, die gegenwärtig bei anderen Reedereien zum Binnenschiffer ausgebildet werden.

Zum Urlaub und zum Hausbau in die DDR

Ernst-Wilhelm Wehlmann fuhr bis 1961 auf Flüssen westlich des Harzes, dann für die Deutsche Binnenreederei und ab 1965 wieder im Westen. „Urlaub habe ich in der DDR gemacht“, schmunzelt der „Seebär“. An Land hielt er es nie lange aus. „Nur zum Hausbau von 1973 bis 79. Dann zog es mich wieder aufs Wasser.“ Der Familie zuliebe aber „nur noch“ auf die Oder, das Haff oder die Ostsee, später auch nach Tschechien.

„Die Binnenschifffahrt im Osten ist zusammengebrochen“, bedauert das Alsleber Urgestein sehr. Da ist es immer wie ein Hauptgewinn, wenn der Kapitän i. R. gerufen wird. „Wenn mich ein Reeder braucht, gehe ich an Bord.“

Den Binnenschifffahrtskapitän hält es aber auch sonst nicht lange zu Hause. Gewohnheitssache. Fast jedes Wochenende ist er unterwegs, meist in Sachen Schiffertradition. Mit der sah es zeitweise gar nicht gut aus in Alsleben. „1975 wurde unser Verein unter Druck gesetzt. Es hieß: entweder Kulturbund oder Auflösung“, erinnert sich der heutige Vereinsvorsitzende, der 1981 aus politischen Gründen sogar aus dem Verein ausgeschlossen wurde.

Damals waren es noch 45 Mitglieder, 1990 noch sieben. Mittlerweile sind wieder 100 an Bord der „Undine“ und die gestalten nicht nur das kulturelle Leben in Alsleben mit: Schifffahrtsausstellungen, z.B. vom 19. bis 21. August in der „Wasserstadt Leipzig“, auf der Meyerwerft Papenburg oder in Aken können auf die Alsleber zählen.

Nicht zu vergessen der legendäre Festumzug mit anschließendem Schifferball mit Schiffervereinen aus ganz Deutschland. Der nächste am 18. März 2006 ist fest im Terminkalender des gastgebenden Vereins verankert. Da werden alte Freunde aus Papenburg, Rhauderfehn (Ostfriesland), Lauenburg (Schleswig-Holstein), Grieth (Niederrhein), Speyer (Oberrhein), Marktheidenfeld/Main, Rathen, (Elbe/Sächsische Schweiz) und und und erwartet.

Beim Schifferball 2005 gestaltete übrigens eine Abteilung des Staßfurter Männerchors das äußerst unterhaltsame Programm mit.

"Die Schifferbälle sind aus der Tradition entstanden, als sich die Schiffer in den Wintermonaten in ihren Heimatorten trafen. Die Flüsse waren zugefroren und man hatte sich allerhand zu erzählen“, leuchten die Augen von Ernst-Wilhelm Wehlmann, wenn er davon erzählt.

Wie eine Autobahn, die auf dem Feldweg endet  

Ganz anders wird ihm allerdings, wenn er an den „Flaschenhals“ der Saale erinnert wird. Wir sind bei der Schiffbarkeit der Saale, die 22 Kilometer vor der Elbmündung endet.  „Der Wassersport ist im Kommen. Aber auch die Wirtschaft wäre stark interessiert an der durchgängigen Schiffbarkeit“, ärgert sich der 66-Jährige, dass es bis heute nicht zu schaffen war, den "Flaschenhals" verschwinden zu lassen. „Das ist wie eine Autobahn, die auf einem Feldweg endet“, schimpft der alte Binnenschiffer.

Das beste Beispiel, dass der Wasserweg gebraucht wird, beschreibt Wehlmann: „Die Getreidewirtschaft Halle versucht soviel wie möglich, auf dem Wasserweg zu transportieren. Wenn es zu wenig Wasser gibt, wird das Korn auf Lkw verladen und ab geht‘s nach Rotterdam auf der Straße. Die Bahn ist zu teuer.“ Das Wasser fehle mittlerweile aber auch den Auwäldern entlang der unteren Saale, setzt Wehlmann noch hinzu.

Ob er es noch erlebt, mal mit einem Kahn von Alsleben aus direkt zur Elbe zu fahren, die quasi vor dem Heimathafen liegt?  

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Historie und Gegenwart - Bildimpressionen von Matthias Pusch

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