Die Binnenschifffahrt kehrt zurück

Donnerstag, 07. Juli 2005, 10:23 Uhr

Die Binnenschifffahrt kehrt zurück

Financial Times Deutschland vom 17.06.05

von Peter Kleinort, Hamburg

Wer an Güterverkehr denkt, denkt zuallererst an Lkw. Binnenschifffahrt schien nur noch für Nostalgiker interessant. Aber die Maut und der hohe Ölpreis könnten zu einer Renaissance des Transportgeschäfts auf Flüssen führen.

Die aktuellen Zahlen des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) zeigen: Erstmals seit fünf Jahren liegt die Binnenschifffahrt mit ihren jährlichen Zuwachsraten im Güterverkehr vor dem der Lkw. Die Verkehrsleistung der Binnenschifffahrt ist im vergangenen Jahr um 9,5 Prozent auf 63,7 Mrd. Tonnenkilometer (tkm) gewachsen. Die 4,3 Prozent, die der Lkw-Verkehr in der gleichen Zeit zugelegt hat, nehmen sich dagegen vergleichsweise bescheiden aus.

Noch vor gut zehn Jahren sah die Situation anders aus: Binnenschiffe wurden stillgelegt und abgewrackt, Gütertransport verlagerte sich zunehmend auf die Straßen. Der gemächlich auf einem Fluss dahintuckernde Frachtschiff schien eine nostalgische Erinnerung zu werden.

Eine der größten deutschen Speditionen, Kühne und Nagel, plant bis 2008, die Menge der per Binnenschiff transportierten Güter zu verdreifachen. "Ein Lkw ist im Vergleich zu einem Binnenschiff zwar doppelt so schnell, aber er ist auch rund ein Drittel teurer als der Schiffstransport", sagt ein Unternehmenssprecher. Weiterer Vorteil des Schiffs gegenüber dem Lastwagen: Die gesamte Ladung erreicht zur gleichen Zeit ihren Bestimmungsort.

Küstenmotorschiffe fassen im Schnitt rund 400 Lkw-Ladungen mit einem Durchschnittsgewicht von gut 40 Tonnen. Ein gechartertes Schiff ist so kostengünstiger als eine eigene Lkw-Flotte. Auch dies wird als Argument für die Zukunft des kombinierten Verkehrs aus Lkw, Bahn und Schiff von den Logistikverbänden immer wieder angeführt.

Nachholeffekt nach Niedrigwasser

Zum Teil erklärt sich das höhere Wachstum aus einem Nachholeffekt. Die Partikuliere - die Reeder und Betreiber der Binnenschiffe - holten die Transporteinbußen durch das extreme Niedrigwasser im "Jahrhundertsommer" 2003 wieder auf. Wegen niedriger Pegelstände kam damals an Rhein, Donau und Elbe der Schiffsverkehr fast zum Erliegen.

Nach Angaben des Bundesverbandes öffentliche Binnenhäfen (BÖB) bezeichneten die beiden größten Binnenhäfen Deutschlands, Duisburg und Köln, 2004 als erfolgreichstes Jahr in ihrer Geschichte. Allein in Duisburg stieg die umgeschlagene Gütermenge um 6,5 Prozent. Das lässt sich aber nicht allein mit dem Nachholeffekt erklären.

Die Binnenschifffahrt profitiert außerdem von der Zunahme des internationalen Verkehrs. Das Wachstum des globalen Containertransportes führte auch zu einem Boom im Zulieferverkehr. Und dabei können die Binnenschiffer durchaus gegen Lkw punkten. Die BAG-Studie weist nach, dass allein beim Transport von Standardcontainern (TEU) auf Binnenschiffen ein Zuwachs von 17,4 Prozent gegenüber 2003 zu verzeichnen ist.

Boom in Asien hilft deutschen Binnenschiffern

Heute gibt es fast keine Waren mehr, die nicht in den TEUs transportiert werden. Die Abkürzung bezieht sich auf die Außenmaße eines standardisierten Containers: Twenty Foot equivalent Unit. Vor allem der Lieferverkehr mit der Boomregion Asien läuft nahezu ausschließlich über Container.

Asien liefert ein weiteres Stichwort: Die immense Nachfrage nach Stahl zahlt sich auch für die deutschen Binnenschiffer aus. Zweites großes Wachstumssegment bei den Transportgütern waren dem BAG zufolge nämlich Steine und Erden, mineralische Brennstoffe, Eisen und Stahl. Auf Platz drei der transportieren Güter liegen chemische Erzeugnisse.

Das Stichwort für Logistiker lautet in diesem Zusammenhang kombinierter Verkehr. Für den Transport einer Ladung werden die unterschiedlichen Verkehrsträger - Straße, Schiene, Schifffahrt - genutzt, je nach Kapazitäten und Vorteilen. Großer Pluspunkt für Schiff und Bahn sind die größeren Transportmengen und die in der Regel höhere Sicherheit.

Nach Berechnungen des Bundesverkehrsministeriums ist bis zum Jahr 2015 mit einem Anwachsen des Güterverkehrs in Deutschland um fast zwei Drittel zu rechnen. Legt man die aktuelle Ölpreisentwicklung zugrunde, verteuert sich Dieselkraftstoff bis dahin nachhaltig. Auch die Mautkosten dürften weiter steigen. Der Lösungsweg ist also der kombinierte Güterverkehr.

Verkehrsexperten rechnen damit, dass die Autobahnmaut für Lkw und ihre eventuelle Ausdehnung auf Bundesstraßen sich positiv auf den Bahn- und Schiffstransport auswirken wird. Dadurch könnte sich der Kostenvorteil für die Schifffahrt noch vergrößern. Verlässliche Prognosen, in welchem Ausmaß die anderen Verkehrsträger von dieser Entwicklung profitieren, lassen sich aufgrund der BAG-Zahlen aber noch nicht treffen.

VW als Trendsetter

Noch heißt es im BAG-Bericht, es habe in der Binnenschifffahrt seit der Mauteinführung "keine nennenswerten Verkehrsverlagerungen" gegeben. Für einen statistischen Nachweis ist die Datenmenge auch noch zu gering. Allerdings wird für das zweite Halbjahr beim kombinierten Schienen-Straßenverkehr mit einer Verlagerung gerechnet. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Binnenschifffahrt nachzieht.

Trendsetter beim kombinierten Verkehr ist Volkswagen: Seit 2003 verschifft der Autobauer monatlich 900 TEUs mit Autoteilen vom Hafen in Braunschweig nach Hamburg. Hier übernehmen große Seeschiffe die Container und bringen sie zu den Produktionsstandorten außerhalb Deutschlands. Der Lkw-Transport dient lediglich dem Lieferverkehr zu und von den Häfen.

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