Die Otto-Schlepper: Mit der Wende kam das Aus

Dienstag, 18. August 2009, 14:45 Uhr

Die Otto-Schlepper: Mit der Wende kam das Aus

Meine Elbe, Folge 3: Roßlau

HAMBURGER ABENDBLATT, 18. August 2009, Von Jens Meyer-Odewald

Ruhig und stetig strömt die Elbe bei Roßlau, leise gluckernd, gemächlich, irgendwie majestätisch ...

Roßlau. Wiesen reichen bis ans Ufer, Sumpfdotterblumen blühen, manchmal kommen Radfahrer vorbei. Binnenschiffe werden stundenlang nicht gesichtet; es kann nicht gut stehen um die Geschäfte. Vielleicht ist auch Tiefwasser die Ursache. In jedem Fall herrscht Stille hier an Kilometermarke 258. In einen gewaltigen Gedenkstein ein paar Kilometer weiter ist der Elbverlauf graviert. Hamburg steht oben.

In der Umgebung befinden sich ein Jagdschloss, eine 900 Jahre alte Wasserburg, ein Elbzollhaus mit weißem Türmchen, ein Obelisk, der an einen ertrunkenen sowjetischen Offizier vor der Wiedervereinigung erinnert. Ein bemalter Baum verweist auf die frühere Grenze zwischen Preußen und Anhalt. Anno 1760 überquerte König Friedrich II. hier die Elbe und marschierte mit 44 000 Soldaten in Sachsen ein. Später kamen die Nazis, dann die Russen. "Welche enorme Kraft dieser Fluss doch hat", sagt Otto Pötzsch. "Die Elbe nimmt - und sie gibt." Nicht nur bei Ebbe und Flut, auch sonst so. Wer wüsste dies besser als ein Mann, der mit Elbwasser getauft und seit 73 Jahren mit dem Strom verbunden ist? Früher als Kapitän, heute als Lotse zwischen Dresden und Hamburg. Wenn Schiffsführer ohne Lizenz einen Profi auf der Brücke brauchen.

"Otto ist eine lebende Legende", hat Kapitän Karl-Heinz Timmel von der Dresden-Repräsentanz der Hafen Hamburg Marketing zuvor am Telefon gesagt. "Er weiß alles über die Elbe, es ist seine Elbe." Pötzsch selbst würde so etwas niemals behaupten. Eher zufällig ergibt sich, dass er Autor eines Buchs ist: "Mit dem Lauf der Elbe durch Anhalt." Pötzsch ist ein bescheidener Mensch, kein Held großer Worte. Lieber weist er den Weg Richtung Werftgebäude ein paar Schritte weiter. Im Museum des Roßlauer Schiffervereins von 1847, einem der ältesten hierzulande, wird der Sache auf den Grund gegangen.

Unterwegs nennt Pötzsch ein paar Stationen seines Lebens. Erzählt von Großvater Otto. Und vom Vater Otto, einem altgedienten Fahrensmann, der 1944 den Schlepper "Otto" erwarb und seinem Sohn eines Tages beschied: "Du musst Schlosser lernen - dann kannst du unser Boot selbst reparieren." Später übernahm der Junior die "Otto", schleppte, was das Zeug hielt, half auch im Magdeburger Hafen, war beim Brückenbau im Einsatz. Bis zur Wende. Plötzlich brachen die Aufträge ein, es gab nichts mehr zu tun für die beiden Ottos, den Mann und den Schlepper. Um finanziell über Wasser bleiben zu können, wurde die "Otto II", Nachfolger der von den Sowjets beschlagnahmten "Otto I", in die Niederlande verkauft. Die Elbe gibt und nimmt. "Es war wie ein Zusammenbruch", flüstert Pötzsch. Nicht nur wirtschaftlich ...

Gut, dass Kumpel Dieter naht: Dieter Herrmann, gebürtiger Meißener, gleichfalls 73 Jahre alt, von 1957 bis 1992 auf der Roßlauer Schiffswerft beschäftigt. Mit viel Herzblut leitet er das Museum vor Ort. Gut beraten von Otto, seinem Freund und Seelenverwandten. Auf 300 Quadratmetern ist eine Menge über die Elbschifffahrt zu erfahren. Von den Flößern und kleinen Kapitänen vergangener Zeiten. Von den Gebrüdern Sachsenberg, die 1862 eine Werft gründeten, auf der Schiffe für die halbe Welt gebaut wurden. Modelle zeugen von einer großen Geschichte. Die ersten Tragflügelboote der Welt sind zu sehen, Schaufelraddampfer - und die MS "Blankenese", die aus Roßlau an die Ertel-Reederei in Hamburg geliefert wurde.

Pötzsch und Hermann bitten an den Stammtisch; sehr herzlich und weltoffen geht es zu. Thema, natürlich, die Elbe. Und die Zukunft der Werft. 1945 wurde sie verstaatlicht, 1992 ging ein Teil in Konkurs. Mithilfe aus Bremerhaven wurde das Unternehmen wieder flottgemacht. Otto und Dieter gucken sich an, lachen. Sie sind optimistisch: "Es geht aufwärts!" Die Elbe nimmt und gibt. Das war schon immer so.

 

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