Falsches Naturschutzverständnis stellt große Gefahr dar

Samstag, 24. November 2007, 07:27 Uhr

Falsches Naturschutzverständnis stellt große Gefahr dar

Wochenspiegel Wittenberg 20. Nov. 2007

Verbuschung an der Elbe führt zu noch schlimmeren Hochwasser-Katastrophen

Wittenberg (wg). „Bereits beim Hochwasser im August 2002 wurde drastisch deutlich, wie durch die Verbuschung Abflusshindernisse entstanden sind“, berichtet Jüngel. Das hatte Auswirkungen auf das Fließverhalten der Elbe und es kam zu jenem verheerend hohen Wasserstand. In der Spitze betrug der Wasserdurchlauf damals 4.000 Kubikmeter pro Sekunde. „In der Vergangenheit hatten wir Hochwassersituationen mit deutlich höheren Wasserdurchläufen, aber geringeren Wasserständen“, so Jüngel. Trotz der verheerenden Schäden, welche die August-Flut angerichtet habe, könne man deshalb eben nicht von einem wirklichen Jahrhundert-Hochwasser sprechen. Der Deichbruch bei Seegrehna erfolgte an einer Stelle, die stark verbuscht war, dort kam es zum Wasserstau und einer Strudelwirkung, deren Kraft größer war als die Standfestigkeit des Dammes.

Noch vor wenigen Jahrzehnten sind die Deiche und Deichvorländer regelmäßig beweidet worden, überdies wurden Sträucher und Büsche sowie die für die Elbauen typischen Weiden regelmäßig zurück geschnitten. „Wer heute Rückschnitte durchführen würde, bekäme sofort Ärger mit der Naturschutzbehörde und würde zu einer saftigen Geldstrafe verdonnert“, ärgert sich Petzold. „Die Sicherstellung des Hochwasserschutzes muss Priorität haben und dann erst kommt der Naturschutz und nicht umgekehrt!“ Beim Hochwasser im August 2002 haben sich die Verbuschungen erstmals als gravierendes Abflusshindernis in das Bewusstsein der Menschen gedrängt, aber Konsequenzen wurden keine gezogenen, im Gegenteil: „In den Elbauen wurden zusätzliche Weidenaufforstungen durchgeführt“, kritisiert Jüngel. Im Bereich des Wittenberger Stadtgebietes, wie zum Beispiel in Kleinwittenberg, aber auch in Pratau und Seegrehna hat die Verbuschung in den vergangenen fünf Jahren sogar noch zugenommen und steht inzwischen meterhoch. Unter anderem ist der Treidlerweg von Kleinwittenberg nach Piesteritz völlig zugewachsen. „Das alles hat mit Naturidylle nichts mehr zu tun, sondern stellt ein enormes Gefahrenpotenzial dar, das von grober Fahrlässigkeit zeugt“, betont Petzold. Auf Grund der Zunahme der Verbuschung muss bei einem Hochwasser wie 2002 künftig mit einem noch höheren Wasserstand gerechnet werden. „In dem Tempo, wie die Verbuschung entlang der Elbe zunimmt, können die Deiche gar nicht erhöht werden“, warnt Petzold. Denn bei Hochwasser wirken Verbuschungen wie eine Blockade oder eine Querverriegelung, dazu kommt dann noch Treibgut, das sich in der Verbuschung verfängt und die Blockadewirkung erhöht. „Eine besonders große Gefahr stellen Verbuschungen beim Eisgang dar“, erläutert Elbe-Experte Jüngel. Auf Grund der geringen Fließgeschwindigkeit im Bereich von Bäumen und Gestrüpp setzt dort zuerst die Eisbildung ein. Wo aber Eis ist, da fließt kein Wasser mehr. Hätte es beim Winterhochwasser der Elbe 2003 massive Eisbildung gegeben, so wäre es zu einer Katastrophe gekommen, die das August-Hochwasser noch in den Schatten gestellt hätte.

„Beim Winterhochwasser 2003 wurden in Wittenberg 6,20 Meter gemessen, im Bereich der unteren Elbe waren die Wasserstände aber höher als 2002, weil an der Oberelbe kein Deich gebrochen ist“, sagt Jüngel. „Der Deichbruch bei Dautzschen war der größte Dammbruch aller Zeiten in Deutschland, nur dadurch wurden Wittenberg und Dessau gerettet.“ Ohne den Dammbruch bei Dautzschen wäre die Flut in Wittenberg 50 Zentimeter höher gewesen, die beiden Elbebrücken hätten dann den Wassermassen nicht mehr Stand gehalten. „Wirksamer als die Rückverlegung oder Erhöhung von Deichen ist die Schaffung von Polder, die im Notfall gezielt geflutet werden können“, betont Petzold. „Leider passiert hier noch viel zu wenig.“ Der Schutz von Menschenleben müsse absoluten Vorrang haben. „Eine gezielte Landschaftspflege, die der Verbuschung Einhalt gebietet, ist Bestandteil eines wirksamen Hochwasserschutzes“, sind sich Petzold und Jüngel einig. Die Elbe brauche eine kontinuierliche Pflege, wie zum Beispiel die Instandhaltung der Buhnen und Leitwerke: „Für eine zukunftsfähige Infrastruktur ist der Erhalt der Schifffahrt auf der Elbe unverzichtbar“, fordert Petzold. So verzeichnet der Containerhafen in Hamburg jährliche Zuwachsraten von 16 bis 18 Prozent, schon in wenigen Jahren können weder Bahn noch Straße diese Güterströme bewältigen. Deshalb ist es wichtig, dass Schiffe auf der Elbe mit gesicherten Vorgaben an vorherrschende Wasserstände fahren können. Dies kann nur erreicht werden, wenn die Unterhaltungsmaßnahmen an den Bauwerken fortgeführt werden, zumal es unbestritten ist, dass das Binnenschiff zurzeit das energiesparendste und umweltfreundlichste Transportmittel ist.

Dass die Interessen von Ökologie und Binnenschifffahrt sehr wohl in Einklang zu bringen sind, hat das wiederhergestellte Leitwerk in Gallin bewiesen. Von Umweltschützern fanatisch als „Todsünde“ bekämpft, ist hier durch die Errichtung von Stillwasserzonen neuer Lebensraum für Pflanzen und Tiere entstanden. „Die Fachleute vom Wasser- und Schifffahrtsamt Dresden haben mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung im Umgang mit dem Fluss hieran einen großen Anteil“, lobt Petzold.

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Historie und Gegenwart - Bildimpressionen von Matthias Pusch

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