Für Erhalt der Auen gegen die Flussvertiefung vorgehen

Freitag, 23. Oktober 2009, 21:28 Uhr

Für Erhalt der Auen gegen die Flussvertiefung vorgehen

Biosphärenreservat " Mittelelbe " / Leiter der Reservatsverwaltung, Guido Puhlmann :

volksstimme.digital, 23. Oktober 2

Die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes hat mit den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt ein " Sohlstabilisierungskonzept für die Elbe von Mühlberg bis zur Saalemündung " erarbeitet. Es ist seit April der Öffentlichkeit zugänglich und enthält Maßnahmen gegen die sich hauptsächlich am Flussgrund abspielende Erosion. Bei der Erstellung mitgewirkt hat auch das Biosphärenreservat " Mittelelbe ". Mit dem Leiter der Reservatsverwaltung im Landesverwaltungsamt, Guido Puhlmann, sprach Henrik Klemm ( MZ ).

Frage : Das Sohlstabilisierungskonzept hat mit der darin enthaltenen Feststellung, dass die Elbauen durch Flussvertiefung und damit einhergehender Austrocknung gefährdet sind, für Schlagzeilen gesorgt : Droht dem Biosphärenreservat und damit auch dem Dessau-Wörlitzer Gartenreich unter diesen Umständen die Aberkennung des Welterbestatus ?

GuidoPuhlmann : DasSohlstabilisierungskonzept ist ein neues Konzept. Die Beschreibung des Problems, welches dem Konzept zugrunde liegt, ist jedoch keineswegs neu. Wir wissen spätestens seit Anfang der 1990 er Jahre, dass sich die Elbe im Abschnitt Mühlberg bis Coswig ( Anhalt ) um ein bis zwei Zentimeter pro Jahr stetig vertieft. Das ist eine Entwicklung, die auch etwas mit dem früheren Elbeausbau, der bis in die 30 er Jahre des 20. Jahrhunderts zurückreicht, zu tun hat. Jede solche " Festlegung " des Flusses führt dazu, dass er mehr erodiert, als er normalerweise erodieren würde. Das wiederum führt zu einer Senkung des Wasserspiegels, was die Elbauen gefährdet. Die weitere wesentliche Ursache ist das Geschiebedefizit im gesamten Flusssystem.

Frage : Ist denn die Gefahr für Biosphärenreservat und Gartenreich wirklich so groß, wie es beispielsweise der Bund für Umwelt und Naturschutz sehr öffentlichkeitswirksam und im Zusammenhang mit der Aberkennung des Welterbestatus für das Dresdner Elbtal dargestellt hat ?

Guido Puhlmann : Ich kann nicht beurteilen, inwieweit der Status aberkannt werden könnte oder nicht. Es besteht letztendlich seit Jahrzehnten durch die Erosion eine Gefahr für die Landschaft an der Elbe. Dies war bei den Unesco-Anerkennungen schon bekannt. Viel wichtiger ist meiner Ansicht nach, dass wir jetzt qualifizierte Aussagen zu den Ursachen haben und vor allen Dingen wissen, was unternommen werden kann. Es ist also bekannt, welche Werkzeuge man in der so genannten Erosionsstrecke einsetzen muss. Das ist das Wichtige. Wenn man das umsetzt, dann bestehen Chancen, die Erosion einzuschränken und gegebenenfalls auch zu stoppen. Wir gehen davon aus, dass eine Eindämmung der Erosion wirklich möglich ist. Wichtig ist eine konsequente Umsetzung der Maßnahmen. Das muss schnell und in großem Umfang geschehen. Die Lösung des Problems insgesamt bleibt jedoch eine Aufgabe für Generationen. Neu und bedeutsam ist auch noch, dass die Erosionsstrecke bis zur Saalemündung geht. Darüber war man sich bislang nicht sicher. Jetzt gibt es dazu belastbare Untersuchungen.

Frage : Nun besteht aber die Projektgruppe " Erosionsstrecke Elbe ", die das Konzept federführend aufgestellt hat, schon seit 1999. Warum hat es so lange gedauert, bis das Konzept im April dieses Jahres auf den Tisch kam ?

Guido Puhlmann : Der Gruppe gehören bekanntlich Vertreter der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost, des Wasser- und Schifffahrtsamtes Dresden, der Bundesanstalten für Gewässerkunde sowie für Wasserbau an. Allein daran ist ersichtlich, dass die Erosion ein sehr komplexes Problem ist, was auch so behandelt werden muss. Die Flussvertiefung hat keine einfachen Ursachen, und es gibt diesbezüglich auch keine einfachen Lösungen. Deshalb, und weil sehr gründlich gearbeitet werden musste, hat es so lange gedauert. Es mussten die Wirkungen der Geschiebezugaben ausgewertet werden. Außerdem hat das Hochwasser 2002 zu Verzögerungen geführt. Ich hätte das fertige Konzept auch gern eher gehabt, aber das ist ein Prozess, und ich bin froh, dass dieser Prozess jetzt abgeschlossen ist.

Frage : Was sind Ursachen der Erosion ?

Guido Puhlmann : Ein Fluss transportiert natürlicherweise Geschiebe, also Sand und Kies. In unserem Abschnitt ist das mehr Sand, deswegen erleben wir die Elbe auch mit sandigen Ufern und vielen Sandbänken. Durch den Ausbau der Nebenflüsse, aber auch durch den der Elbe selbst – beispielsweise mit Staustufen in Tschechien – kommt dieses Geschiebe, also das abgetragene Material aus dem Mittelgebirge und dem Gebirgsvorland, einfach nicht mehr in unserer Region an. Da der Fluss aber ein bestimmtes Transportvermögen hat, holt er sich das Material aus seiner Sohle oder von den Ufern. Letztere sind durch Buhnen und Deckwerke relativ festgelegt, dadurch ist die Erosion dort gering. Bleibt also noch die Flusssohle.

Frage : Was muss geschehen, damit die Erosion geringer wird, damit die Elbauen nicht weiter austrocknen ?

Guido Puhlmann : Seit einigen Jahren wird kiesiges Material, im Jahr 50 000 bis 100 000 Tonnen, unterhalb von Torgau in die Elbe eingegeben. Das ist eine ganze Menge und lindert schon einiges, reicht aber nicht aus. Jetzt ist ein Maßnahmepaket geschnürt worden, was umgesetzt werden muss. Die Möglichkeiten sind im Konzept benannt. Ein Ziel ist, in den Bereichen, wo die Erosion am größten ist, eine frühere Ausuferung des Flusses zu ermöglichen. Dazu sollen, wo es geht, alte Flutrinnensysteme und Altarme wieder angeschlossen, soll auch Gelände im Nahbereich der Elbe abgetragen werden. Die 2001 vom Biosphärenreservat umgesetzte Wiederanbindung des Altarmes Kurzer Wurf bei Klieken ist ein Beispiel dafür.

Frage : Gibt es denn einen genauen Plan der Arbeiten ?

Guido Puhlmann : Im Rahmen der Unterhaltung kann sofort etwas gemacht werden, das leisten die Schifffahrtsämter zunehmend. Wenn beispielsweise Buhnen unterhalten werden, dann werden die Dinge, die das Bauwerk bezüglich der Erosion verbessern können, erledigt. Wenn Auflandungen auf der Buhne sind, dann werden sie abgetragen. Es wird mit verschiedenen Lösungen gearbeitet. Dazu gehört die Hinterströmung von Buhnen durch Einbau von Kerben oder durch Umbau. Das ist das, was sofort geht und noch stärker gemacht werden muss. Es wird angefangen, einzelne Buhnenfelder teilweise zu beräumen. Das bringt dem Fluss Material und verbessert gleichzeitig die hydrologischen und dynamisch-ökologischen Bedingungen im jeweiligen Bereich. Außerdem ist ein Pilotprojekt bei Klöden in Vorbereitung. In Abstimmung mit den Kreisen, den Umweltverbänden, dem Landeshochwasserbetrieb und anderen Institutionen soll dort mit Nachdruck gearbeitet werden, damit in absehbarer Zeit Altarme und Flutrinnen angeschlossen, Buhnen umgebaut und den heutigen Wasserstandsverhältnissen angepasst werden können. Der erste Schritt bei der Realisierung der im vorliegenden Konzept aufgeführten Maßnahmen ist also, dass in einem Abschnitt alle qualitativen Möglichkeiten durchgespielt werden. Die Auswirkungen testet die Bundesanstalt für Wasserbau zurzeit an Computermodellen.

Frage : Wer entscheidet denn, wie schnell die im Konzept dargestellten Maßnahmen umgesetzt werden ?

Guido Puhlmann : Das können letztlich nur die Abgeordneten des Deutschen Bundestages, da es sich um ein Projekt der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes handelt. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass die gesamte Gesellschaft, dass unsere Region und natürlich auch die Umweltverbände einfach Druck ausüben, um für die Problematik zu sensibilisieren. Später sind im Rahmen öffentlich-rechtlicher Verfahren die Genehmigungsbehörden gefragt.

Frage : Wenn die Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost davon spricht, dass die Ausbesserung von Buhnen und Leitwerken die Erosion mindern soll, dann kritisieren Umweltschützer genau das als unverantwortlichen Eingriff in die Natur, sehen die Erosion eher weiter vorangebracht. Das ist schon ein Widerspruch. Oder ?

Guido Puhlmann : Hier werden aus meiner Sicht verschiedene Dinge miteinander vermengt. Die Ursachen der Sohlerosion liegen in der Vergangenheit. Die Elbe ist bis in die 30 er Jahre des letzten Jahrhunderts ausgebaut worden. Dieser Ausbau in Verbindung mit den Talsperren, die das Geschiebe in den Nebenflüssen zurückhalten, das ist die Hauptursache für die Sohlerosion. Die Arbeiten seit 1990 mögen marginal dazu beigetragen haben, haben aber mit diesen wirklichen Ursachen wenig zu tun. Es wäre einfach zu sagen, wir machen nichts mehr an den Buhnen, damit kehrt sich die Erosion um. So leicht ist es leider nicht, das würde das Problem nicht lösen. Wichtig ist, dass man bei der Unterhaltung alle bekannten Möglichkeiten ausschöpft, um die Erosionswirkung der bestehenden Bauwerke zu reduzieren. Und genau das wird zunehmend gemacht.

Frage : Der Bund für Umwelt und Naturschutz fordert unter anderem den sofortigen Stopp aller Steinschüttungen an den Ufern der Elbe. Warum werden solche Maßnahmen durchgeführt, kann man darauf verzichten ?

Guido Puhlmann : Durch Steinschüttungen erfolgt die Reparatur seit langer Zeit bestehender Bauwerke am Flussufer, so genannter Deckwerke, die geschüttet oder gepflastert werden. Wenn man die Elbe als Wasserstraße mit den festgesetzten Parametern erhalten will, dann sind neben den Buhnen und Leitwerken auch solche Bauwerke zu unterhalten. Im Moment ist die Elbe auch eine Wasserstraße, das ist die Gesetzeslage. Wir versuchen, als Umweltbehörde unter dieser Bedingung zu erreichen, was ökologisch möglich ist. Eine Neuanlage von Bauwerken ist im Moment nach meiner Kenntnis nicht vorgesehen. In den vergangenen Jahren wurden jedoch unter anderem gegenüber dem Coswiger Schloss und in der Nähe des Kurzen Wurfes bei Klieken solche Bauwerke in größerem Umfang zurückgebaut.

Frage : Das Verhältnis zwischen Umweltschützern und den für die Schifffahrt zuständigen staatlichen Stellen erscheint in der Öffentlichkeit als gestört. Warum ist das so ?

Guido Puhlmann : Die Umweltverbände und sehr engagierten Bürgerinitiativen spielen eine sehr wichtige Rolle, nicht nur an der Elbe. Sie artikulieren Befürchtungen, die in der Bevölkerung vorhanden sind und fordern die staatlichen Stellen. Unsere Rolle ist klar : Wir sind eine staatliche Behörde und versuchen, auf Grundlage der geltenden Gesetze und der fachlichen Erkenntnisse diese nach den gegebenen Möglichkeiten zu nutzen. Wir bewegen uns in dem Rahmen, der sagt, die Elbe ist eine Bundeswasserstraße. Wenn die Elbe also eine solche Schifffahrtsstraße mit der jetzigen Leistungsfähigkeit bleibt, dann ist die Unterhaltung der entsprechenden Bauwerke auch weiterhin erforderlich. Die Umweltverbände fordern von den verantwortlichen Behörden zum Teil über das geltende Recht hinausgehende Lösungen und stellen oftmals die Frage nach dem Sinn der Wasserstraße. Das ist letztlich eine gesamtgesellschaftliche und politische Debatte.

Anmerkung der Redaktion :

Das Sohlstabilisierungskonzept kann im Internet unter der Adresse www. wsd-ost. wsv. de nachgelesen werden.

URL: www.volksstimme.de/vsm/nachrichten/lokalausgaben/burg/

 

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