Mit Bier zum Wasser

Samstag, 24. Juni 2006, 07:00 Uhr

Mit Bier zum Wasser

von Michael Rothe, Sächsische Zeitung Sonnabend/Sonntag 3./4. Juni 2006

Elbe:  In der Diskussion um eine Staustufe wollen Tschechen und Sachsen jetzt mehr Sachlichkeit.

Einfallslosigkeit kann man Tschechiens Befürwortern der Elbe-Staustufe nicht vorwerfen. Neben Argumenten haben sie zur IHK-Konferenz über die Zukunft des Wasserweges ihre Wunderwaffe mit nach Dresden gebracht: Bier. Mit „Pilsner Urquell“ sollen die Nachbarn überzeugt werden von der Notwendigkeit eines Stauwehrs – sieben Kilometer nach der Grenze, kurz vor Decin (Tschechen).

Der Ausbau sei wichtig, um aus der Elbe einen stabilen Transportweg zu machen, unabhängig von der Natur, sagt Vit Simonovsky, Referatsleiter im Prager Verkehrsministerium. Das umstrittene Wehr (siehe Computersimulation) sei „kein gravierender Eingriff in die Umwelt, sondern in Westeuropa Standard“. Generalkonsul Thomas Podivinsky ergänzt: „Es geht weder um ein Naturfreilichtmuseum, noch um eine Industriezone, sondern um Synergien beider.“

Bei den deutschen Kollegen rennen die tschechischen Schiffer offene Schleusen ein. „Die modernen Umschlaganlagen in den Häfen können nur Transporte auf die Elbe holen, wenn die ganzjährig befahrbar ist“, sagt Detlef Bütow, Chef der Sächsischen Binnenhäfen Oberelbe GmbH. Laut Bundesverkehrswegeplan von 1992 sollte der Fluss an 345 Tagen mit 1,60 Meter Fahrrinnentiefe von Schöna bis Hamburg schiffbar sein. „Das wurde nicht nur nicht erreicht, sondern die Bedingungen haben sich dramatisch verschlechtert“, so der Kapitän. 

Ziel: 2010 Zustand von 2002 

Klaus Kautz, Amtsleiter Dresden bei der Wasser- und Schifffahrtsdirektion Ost, spricht von 558 defekten Buhnen im Einzugsgebiet – doppelt so viele wie im Sommer 2002. Nach dem Hochwasser sei zwei Jahre nichts passiert – dafür Verkehr zu Rhein, Mosel und auf die Straße abgewandert. Jetzt geht es wieder aufwärts: Mit 1,02 Millionen Tonnen (etwa 51.000 Lkw-Ladungen) wurde 2005 der Güterumschlag im grenzüberschreitenden Verkehr in Jahresfrist um fast zwei Drittel gesteigert. Den Trend zu halten, braucht es zumindest keine Verschlechterung der Gegebenheiten. Bis 2010 soll der Vorflutzustand von 2002 erreicht werden.

Der IHK-Präsident Hartmut Paul übt sich im Spagat: Die Kammer wolle verbesserte Transportwege. Gleichwohl verstehe es die Sorgen. Wie Paul begrüßen andere, dass Sachlichkeit einzieht. „Es tut einer Sache selten gut, nur eine Seite zu sehen“, sagt Klaus Jeschke von Sachsens Umweltministerium. Laut Miroslav Sefara, Chef der Wasserstraßen-

direktion in Prag, laufen die geologischen Untersuchungen für das Wehr. Seit 1994 sei über sieben Varianten gesprochen worden für diese Staustufe – die 25. auf der tschechischen Elbe. 70 Prozent der Nachbarn würden das Projekt begrüßen, das nicht nur den Elbpegel bei Decin stabil halten, sondern auch Ökostrom liefern und Kohlekraftwerke einsparen soll.

Bernd Rohde, Abteilungsleiter in Sachsens Wirtschaftsministerium, mag sich nicht so recht auf eine Seite schlagen. Zum einen spricht er von 300-prozentiger Steigerung im Güterverkehr mit den neuen EU-Mitgliedern bis 2015 und betont, dass „die Binnenschifffahrt maßgeblich zur Lösung der Transportfragen beitragen muss“.

Andererseits verweist er darauf, dass sich Sachsens Regierende in der Ablehnung des Elbausbaus einig seien. Die Natürlichkeit der Elbe solle erhalten bleiben. Es gehe nur um Unterhaltung und Reparatur.

Vor 100 Jahren war die Elbe mal meist befahrener Fluss Europas. Davon ist sie heute weit entfernt. Allerdings stellen Studien eine Vervierfachung des Aufkommens in Aussicht. Und: Der Redefluss funktioniert. Nach lange aneinander vorbei geführter Diskussion sind beide Seiten  nun im Gespräch – ohne und mit Bier. Die Wunderwaffe der Tschechen hat es eben in sich.

 

 

 

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