Schleusenwärter an der Saale tauscht freien Himmel gegen Monitor-Platz

Montag, 06. Oktober 2008, 09:44 Uhr

Schleusenwärter an der Saale tauscht freien Himmel gegen Monitor-Platz

Volksstimme.de, 06.10.2008

Reiner Brauer hat schon als Kind vom Ufer aus den Schiffen nachgesehen

Calbe (dpa). Schleusenwärter Reiner Brauer hört schon mal auf den Pfiff eines Paddlers oder das Hupen eines Motorboots. "Ich weiß nicht immer, wo es herkommt, manchmal pfeift ein Radfahrer im Vorbeifahren." Um zu sehen, ob auf der Saale ein Schiff auf- oder abwärts geschleust werden will, läuft er schon mal ein paar Meter. Besonders im Sommer gehört der Kontakt zu Wassersportlern und Hobbykapitänen zum täglichen Geschäft des 48-Jährigen an der Saale- Schleuse in Calbe-Gottesgnaden. Diese Idylle wird bald der Vergangenheit angehören. Denn demnächst wird Brauer in einer Zentrale in Bernburg sitzen, mit Monitoren vor sich und vielen Schaltknöpfen.

Von dort aus wird der braun gebrannte Bodyguard-Typ alle fünf Saale-Schleusen steuern. "Es ist soweit alles fertig, es fehlen nur noch die Videokameras und der Steuerstand", sagt Matthias Pusch, Außenbezirksleiter des Wasser- und Schifffahrtsamts Magdeburg in Bernburg. Die Datenkabel seien schon gelegt, Lautsprecher installiert und Sportbootwartestellen mitsamt Funksäulen angelegt. Die Zahl der aktuell sieben Mitarbeiter an den fünf Saaleschleusen werde auf drei im Winter reduziert, im Sommer seien voraussichtlich mehr nötig. Ziel ist, Personal und damit Geld zu sparen. Pusch rechnet für Sommer kommenden Jahres mit dem Betriebsbeginn.

Schleusenwärter ist kein Lehrberuf und so ist Brauer auch über den Beruf des Wasserbauers zu dieser Tätigkeit gekommen. "Ich bin gebürtig von der Unstrut." Schon als Kind habe er dort am Ufer gestanden und den Schiffen nachgesehen. Seit 1989 ist er Schleusenwärter in Calbe-Gottesgnaden, auf dem Papier heißt er Betriebsstellenleiter. Allerdings sei das ein Ein-Mann-Betrieb. Zu seinem Job gehört auch ein kleines Häuschen neben der 1940 fertiggestellten Schleuse, das er mit seiner Familie als Dienstwohnung nutzt.

Auf die Frage, wie viele Schiffe er am Tag schleust, dreht sich Brauer mit einem verschmitzten Lächeln weg und grummelt: "Die Frage wollte ich eigentlich vermeiden." Das Buch, das auf seinem Schreibtisch liegt und in das er alle durchfahrenden Boote und Schiffe einträgt, zeigt, dass es in den vergangenen Tagen jeweils nur wenige waren. "Es ist nicht zu leugnen, das Schifffahrtsaufkommen auf der Saale ist nicht rosig." Aufgrund der Wasserstände seien fast nur Sportboote unterwegs. Auf diese Weise habe er schon mal 10 bis 25 Schleusungen pro Tag, allerdings nur im Sommer. Zum jahrelangen Streit über den geplanten Saale-Ausbau will er nichts sagen. Alle Argumente seien ausgetauscht zwischen Umweltschützern und denen, die auf eine florierende Güterschifffahrt hoffen.

Brauer lässt die pfeifenden Paddler und Kanufahrer nicht lange warten und bewegt die 8000 Kubikmeter Wasser, die nötig sind. Das wird sich mit der neuen zentralen Steuerung ändern. "Da werde ich eine Schleuse nach der anderen abarbeiten", sagt der 48-Jährige. "Sicherheit geht vor." Wartezeiten müssten dann eingeplant werden. Ohne Kontakt zu den Wassersportlern und Blick auf das Wasser seinen neuen Job zu verrichten, sei ganz bestimmt gewöhnungsbedürftig, sagt Brauer. "Das ist, als würde man hinter einer spanischen Wand sitzen." Das sei aber nun mal die moderne Technik. Laut Pusch gibt es solche Steuerzentralen bereits in Minden am Mittellandkanal und in Brandenburg an der Havel.


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