Wenn die Flut Leben erschafft

Freitag, 12. März 2010, 20:01 Uhr

Wenn die Flut Leben erschafft

PRIGNITZ / BRANDENBURG

SVZ.de, 12. März 2010 von Jacques Kommer

LENZEN - Seit der Wittenberger Elbepegel Ende Februar die 3,60-Meter-Marke überschritt, strömt das Flusswasser durch die 200 bis 500 Meter breiten Öffnungen des alten Deiches zwischen dem Bösen Ort bei Wustrow und dem Lenzener Sportboothafen. "Innerhalb von drei bis vier Tagen war die 420 Hektar große Aue vollständig überflutet", berichtet Rainer Fritze, Mitarbeiter des Ingenieurbüro Prowa aus Wittenberge, das an der Planung des Rückdeichungsprojektes beteiligt war. Mit fallendem Elbpegel, dies sei seit dem 9. März der Fall, ziehe sich das Wasser nach und nach wieder ins angestammte Flussbett zurück, so Fritze. Auch wenn der Großteil des Wassers abgeflossen sei, blieben jedoch einzelne Bracks zurück.

Der gut sechs Kilometer lange neue Deich reicht vom Roddrang Brack bei Wustrow bis hin zum Pfahlbrack unweit des Hafens von Lenzen. Dr. Christian Damm, der das Naturschutzprojekt schon seit Beginn 2002 leitet, verweist auf einen Superlativ: "Die Deichrückverlegung Lenzen ist das derzeit größte Rückdeichungsprojekt in Deutschland." Es habe Pilotcharakter mit nationaler und internationaler Ausstrahlung. "Wir mussten im Vorfeld alles sehr sorgfältig planen, denn gerade bei so einem Pilotprojekt schaut jeder besonders genau hin."

Mit unterschiedlichen Modellen wurde der Deichrückbau am Computer simuliert. Vor allem die intensive Forschung im Vorfeld war es, die das Projekt in die Länge zog: Knapp 20 Jahre verstrichen von der Idee bis zur vollständigen Umsetzung. Das Vorhaben musste zudem mit politischem Gegenwind kämpfen. Viele von der Deichrückverlegung betroffene Grundstücke seien in Privatbesitz, große Flächen wurden landwirtschaftlich beackert beziehungsweise als Weide genutzt, so Damm.

Ein ehemals sehr gefährlicher Abschnitt der Elbe, der Böse Ort und die darauf folgende Flussengstelle, sei durch das Deichrückverlegungsprojekt entschärft worden. Nun könnten sich die Wassermassen der Elbe hier in der neuen Überflutungsfläche ausbreiten ohne Schaden anzurichten, verdeutlicht Christian Damm.

"Es ist schon ein gutes Gefühl, zu beobachten, wie das Elbewasser mit all seinen Lebewesen die neuen Überschwemmungsflächen in Besitz nimmt." Bis zu 180 Hektar Auwald wurden im gesamten Verlauf des Projekts gepflanzt, 80 Hektar im Naturschutzgroßprojekt, der Rest in Vorläuferprojekten, wie dem EU-Life-Projekt, erklärt der Experte. Ziel sei es, insgesamt rund 350 Hektar Auwald zu entwickeln. Nur ein Teil davon werde gepflanzt, ein weiterer entwickele sich von selbst durch "Sukzession". So entstünde ein Paradies für Wasservögel, verschiedene Gänsearten und Watvögel, wie Rotschenkel, Bekassinen, Kiebitze und seltene Säbelschnäbler, erläutert Damm.

Neu angelegt wurde auch ein 6,5 Kilometer langer Rundwanderweg zwischen dem Elbdeich bei Wustrow und dem Gandower Grenzturm, von dem aus man die Natur in vollen Zügen genießen könne. Der Rundwanderweg stelle eine Ergänzung zum internationalen Elberadweg dar. Auf Tafeln entlang des Weges sind Informationen zum Projekt für die Besucher aufbereitet. So verbinde man die Anliegen des Naturschutzes und des Tourismus optimal miteinander.

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