Wittenberge will einen neuen Hafen bauen

Freitag, 17. Juli 2009, 06:48 Uhr

Wittenberge will einen neuen Hafen bauen

Wissenschaftler prognostizieren niedrige Wasserstände

Märkische Allgemeine, 17.07.2009

WITTENBERGE - An der Kaimauer des Stadthafens von Wittenberge (Prignitz) rosten zwei einsame Kräne vor sich hin. Ein imposanter, aber schon recht betagter Getreidespeicher aus Backstein vervollständigt das Ensemble. Schiffe gehören nicht dazu. Das Geschehen im Hafen ist überschaubar. Eine Firma aus Niedersachsen schlägt hier im Jahr 15 000 Tonnen Getreide um. Das sind 15 vollbeladene Binnenschiffe.

Doch das soll nicht so bleiben. Weiter flussaufwärts will die Stadt einen neuen Hafen bauen. Das Geld für die zwei Schiffsanleger mit Gleis- und Straßenanschluss kommt aus dem Konjunkturpaket, das Bund und Länder für die Kommunen geschnürt haben. 4,3 Millionen Euro sind dafür vorgesehen. 75 Prozent kommen vom Bund. Das Land hat am Wochenende einen Förderbescheid über 1,1 Millionen Euro überreicht.

Die Region stehe hinter dem Projekt, sagt Oliver Hermann, parteiloser Bürgermeister von Wittenberge. „Das ist für den ganzen regionalen Wachstumskern eine prioritäre Maßnahme.“ Man arbeite eng mit der einheimischen Wirtschaft zusammen. Eine von der Stadt in Auftrag gegebene Hafenstudie habe einen „konkreten Bedarf aus der Unternehmerschaft“ ergeben. „Wir verbauen hier nicht Millionen und warten, was passiert“, sagt Hermann.

Eine der Firmen, die am Zugang zur Elbe interessiert sind, ist Meyer & Meyer. Das Logistikunternehmen bereitet in Wittenberge Textilien – vor allem Jeans – aus Ostasien für den Einzelhandel auf. Die Ware kommt im Container über Hamburg nach Wittenberge. Weil das Unternehmen keinen Bahnanschluss hat, wird die Ware per Lkw angeliefert. „Wir versuchen, möglichst viel auf das Schiff zu verlagern“, sagt Niederlassungsleiter Alexander Preisler. Ein weiterer potenzieller Kunde ist die Firma Eggers Umwelttechnik, die in Wittenberge belastetes Erdreich reinigt. Sie hat nach eigenen Angaben einen Transportbedarf von mehr als 100 000 Tonnen – 100 Schiffe – im Jahr.

Rückenwind für das Projekt sieht Bürgermeister Hermann in einem Trend, der die Logistikbranche umtreibt: Die Abwicklung des Hinterlandverkehrs der Seehäfen. Dort hat sich der Containerumschlag zwischen 2001 und 2007 verdoppelt. Der Hamburger Hafen kann seine Kapazitäten gar nicht so schnell erweitern, wie das Güteraufkommen wächst. Der Trend dürfte sich fortsetzen, wenn die Konjunktur anspringt. Doch die Straßen sind verstopft, die Bahnanschlüsse kaum erweiterbar. Damit wird das Binnenschiff, über das bisher zwei Prozent der Hinterlandtransporte laufen, zu einer echten Alternative – bis hin zur Errichtung von „Satellitenhäfen“ an der Elbe, in denen Container abgefertigt werden. Wittenberge könnte ein Standort sein.

Die märkische Bundestagsabgeordnete der Grünen, Cornelia Behm, glaubt nicht daran. Sie hält den Bau des Hafens für „Verschwendung von Konjunkturmitteln“. Der Wasserstand der Elbe sei während vieler Monate zu niedrig, um Güter darauf zu trans-portieren – und das Problem verschärfe sich mit dem Klimawandel.

Nach dem Hochwasser von 2002 hat die Bundesregierung einen Ausbau der Elbe für die Schifffahrt verboten. Nur Hochwasserschäden dürfen beseitigt werden, um den Fluss in den Stand von 2002 zu versetzen. Damit soll an 345 Tagen im Jahr eine Wassertiefe von 1,60 Meter garantiert werden – und an 180 Tagen 2,50 Meter.

Diese Zahlen hält Ernst Paul Dörfler vom Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund) für „rein virtuell“. „Diese Bedingungen waren in den vergangenen 20 Jahren nicht gegeben und werden es in den nächsten 20 Jahren nicht sein.“ Dörfler verweist auf die Statistik der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung (WSV) Ost. Danach wurde in den vergangenen 19 Jahren eine Fahrrinnentiefe von 2,50 Meter im Schnitt nur an 111 Tagen erreicht. Eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (Pik) gehe von einer Verschlechterung der Verhältnisse aus.

Baudirektor Hans Bärthel von der WSV Ost weist das zurück. Die Prognosen griffen auf sieben „normale bis trockene hydrologische Jahre“ zurück. Potenzielle zukünftige Trends könne man nicht berücksichtigen. „Wasserstände leben von der Geschichte.“ 1905 konnte man in Dresden bei extremem Niedrigwasser „die Fundamente der Elbbrücken sehen“. Umgekehrt sei 2007, eines der weltweit trockensten Jahre, für die Elbeschifffahrt hervorragend gewesen. Im Übrigen seien die Planungen in Wittenberge unabhängig vom Wasserstand zu sehen, sagt Bärthel. Durch den Einsatz von Containern bekomme eine Schiffsladung eine andere Wertigkeit. Bei geringerem Gewicht als bei Massengütern könnten höhere Umsätze erzielt werden. „Die Schiffe müssen nicht mehr so voll beladen werden“.

Die Landesregierung unterstützt das Vorhaben. Man müsse Alternativen für den Transport erschließen, so Lo-thar Wiegand, Sprecher des Verkehrsministeriums. Dass man an manchen Tagen auf der Elbe nicht fahren könne, spreche nicht gegen den Verkehrsweg. „Ein Lkw steht auch manchmal im Stau.“ (Von Martin Usbeck)

 

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